Gunni übt Selbstkritik

Gunni gibts auch im TV. Das darf man sich nicht entgehen lassen.

Verfluchte Scheiße – die Kommunisten haben uns in der Hand!

Oh mein Gott! Gunnis Alptraum und der aller Wilmersdorfer Witwen hat sich bewahrheitet. Haben wir es doch damals gewusst, als wir die Mauer aufgemacht haben: Irgendwann werden uns die Ostler richtig unter Kontrolle haben und dann haben wir auch den Salat. Nun hat Gunni in seinem neuesten Zorn alles aufgedeckt: Die Linkspartei ist von durchgeknallten Extremisten unterwandert und – jetzt kommts – sie regieren „uns“ auch noch. So ein verdammter Mist, wird man sich da in Charlottenburger Eckkneipen beim Nulldreier Schultheiss denken. Und Gunni lässt auch bei der Aufklärung nicht locker, immer in Bedacht darauf, seinen Zorn nur gegen die Herrschenden und für uns kleine Leute einzusetzen, sagt er uns auch, wo die Stasis, die SED-Altkader, die Menschenfresser-Kommunisten zu finden sind: Nämlich von der „Kommunistischen Plattform“ bis zu „Kuba [sic] Si [sic]“. Besonders dreist treibt es da die Kommunistische Plattform, diese ausgebuffte Rentnertruppe:

Die Kommunistische Plattform besingt schamlos ihre Freundschaft mit Fidel Castro und Hugo Chávez. Ihre Frontfrau Sarah [sic] Wagenknecht forderte die Verstaatlichung von BMW und Siemens.

Schamlos ohne Ende ist das, das hätten wir nicht gedacht. Und dann noch BMW und Siemens verstaatlichen, nachher wollen sie noch an unser Café Kranzler oder das Kudamm-Eck. Nein wirklich, Schäubles Auftragswerk hat unserem Springer-Gunni, der natürlich als alter Großbuchstaben-Demokrat vorher ein Kumpel der Linken war, endlich die Augen geöffnet:

Seit gestern finde ich es nicht mehr normal, dass wir in Berlin von der Linkspartei regiert werden.

Aber mal im Ernst, es ist ganz interessant, sich mal die Methoden anzuschauen, mit der Gunni seine zweifelsfrei unterbelichtete Leserschaft (B.Z. eben) zu beeinflussen versucht:
1. Gunni versteht es, sich in das meist politisch ahnungslose Westberliner Eckkneipen-Publikum hineinzuversetzen, er versteht es auch, sich noch eine Stufe darunter zu setzen. Was man in der Frontstadt schon immer wusste, dass Die Linke von „SED-Altkadern“ und „Kommunisten“ (Westberlin-Slang: „Russen“) durchsetzt ist, stellt Gunni gekonnt als Überraschung dar. („Ihr habt es ja schon immer gesagt.“)

Das seien keine Kommunisten mehr, das sei eine ganz normale demokratische Partei, erzählte man mir überall. Ich gab mich damit zufrieden. Gestern aber las ich den Bericht des Verfassungsschutzes.

2. Für einen echten Springer-Journalisten gehört es sich natürlich auch zu lügen. Ohne Lüge gehts in diesem Hause nicht. Bei Gunni sieht das so aus:

Sie alle stellen „die Systemfrage“, das heißt, sie wollen Demokratie und soziale Marktwirtschaft zerstören.
Aha. Demokratie und Marktwirtschaft sind also eins und „Systemfrage stellen“ gibt sich mit der Abschaffung beider Dinge zufrieden. So einfach kann die Welt in Wilmersdorf sein.

3. Gunni zornt aber nicht nur, am Ende muss sich auch ein konkreter Arbeitsauftrag finden:

Ich meine: Beobachten reicht gar nicht. Warum sind diese unheimlichen kommunistischen Kameradschaften erlaubt?
Nochmal aha. Nun ja, der Gunni ist im Gegensatz zum Großteil seiner Leserschaft sicher kein Idiot. Er wird aber wissen, dass sein Statement pro Demokratie irgendwie mit Verboten nicht konform geht. Gekonnt kolportiert er auch die Aussage des Verfassungsschutzes, wonach eine Verfassung durch „Unterwanderung“ und pipapo von und durch Gruppen und Parteien gefährdet sei. Abhilfe schaffe hier nur ein Verbot. Dass eine Verfassung eigentlich erst dann gefährdet ist, wenn maßgebliche Teile der Bevölkerung mit ihren Grundsätzen nicht mehr einverstanden sind, wird nicht erwähnt, ist auch zu kompliziert für die B.Z.-Leserschaft. Für die Schützenhilfe von Gunnis Haus- und Hofpartei, der Berliner CDU (ganz sicher der peinlichste Landesverband bundesweit), reicht es aber.

4. Ganz wichtig: Das „Wir“-Gefühl. Gunni ist einer von uns. Auch er lässt sich in guter Tradition Diederich Heßlings regieren:

Seit gestern finde ich es nicht mehr normal, dass wir in Berlin von der Linkspartei regiert werden
Das „Wir“ ist wichtig. Es holt den Gunni sozusagen direkt nach Wilmersdorf zum frisch gezapften Schultheiss. Gelenkte Wut auf „die da oben“, was im Berliner Fall ja die Kommunisten-, SED-“Kader“– und Systemfragensteller-unterwanderte Linke ist.

Gunni, danke für die Aufklärung!

Los gehts!

Gunnar Schupelius – Berlins Rächer der Eckkneipenbesucher, der Wilmersdorfer Naziwitwen, Lieblingsschwiegersohn der Omas im Kranzler, knallharter Journalist im Dienste des Wohlergehens der Frontstadt, immer zur Stelle, wenn Kommunisten den Flughafen Tempelhof zerstören wollen und immer im Bewusstsein, dass jederzeit „der Russe über den Ku‘damm“ spazieren könnte. Was wäre unsere Lieblings-Unterschichtenzeitung „B.Z.“ aus dem Hause Springer ohne die tägliche Kolumne „Der gerechte Zorn von Gunnar Schupelius“, hier darf der Dativ noch dem Genitiv sein Feind sein. Gunnis täglicher Erguss ist es einfach wert, weitergehend bedacht und diskutiert zu werden. Viel Spaß!
Link zum Frontstadt-Zentralorgan, Springers und Gunnis „B.Z.“